Blog

Für mich.

Vergangenen Sonntag hat mir mein lieber Sam den größten Arschtritt in der Geschichte unseres Zusammenlebens verpasst. So unschön dieser auch war, so nötig und wertvoll war er gleichzeitig. Denn als Konsequenz habe ich seit langem einmal wieder richtig gründlich reflektieren und dabei einige erschreckende Erkenntnisse gewinnen dürfen.

In den Wirren der vergangenen eineinhalb Jahre, in denen mein Leben einmal komplett auf den Kopf gestellt wurde – zum Glück im größtenteils positiven Sinne – ist sehr viel Selbstverständlichkeit und Klarheit im Umgang mit meinen Hunden verloren gegangen. Berufsbedingt denke ich sehr viel über das Thema „Hund“ und logischerweise auch über meine eigenen Vierbeiner nach. Und genau das bringt mich ganz oft weg von meinem Bauch und stattdessen in meinen Kopf. Bis zu einem gewissen Grad ist das gut, weil ich neue Zusammenhänge verstehe, die meine Arbeit mit den Hunden und ihren Menschen wieder runder machen. Aber gleichzeitig muss ich aufpassen, dass dabei das alte Wissen und vor allem mein Bauchgefühl nicht zu kurz kommen.

Und noch ein ganz, ganz wichtiger Punkt darf nicht zu kurz kommen, nämlich ICH! Wie soll ich meine Hunde klar führen, wenn ich mich nicht selbst führen kann? Wenn ich mich von den kleinsten externen Impulsen derart aus der Bahn werfen lasse? Wenn ich jede kleine Reiberei als persönlichen Angriff und nicht als wichtige Information verstehe?

Und so habe ich in Folge des Zwischenfalls am Sonntag nun ein paar alte Grundsätze wieder neu herausgekramt und sofort eine Veränderung bei mir und meinen Hunden bemerkt. Schon sehr lange war es hier nicht mehr so ruhig und entspannt, wie in den letzten zwei Tagen!

Das sind im Großen und Ganzen meine Maßnahmen:

  • Aufmerksamkeit jeglicher Art gibt es nur noch, wenn der Impuls von mir ausgeht und ich etwas von den Hunden möchte. Aufmerksamkeit ist nämlich ebenso eine wertvolle Ressource für Hunde, wie es Futter, Spielzeug & Co. sind! Den Rest der Zeit vermeide ich es, sie direkt anzusehen, anzusprechen oder anzufassen. Das hat zur Folge, dass sie sich deutlich leichter zur Ruhe begeben und entspannen können, weil sie merken, dass sie einfach nicht dran sind!
  • Wer sich in meinem direkten Umfeld befindet, benimmt sich ruhig und respektvoll. Ich möchte mich frei durch meine (sehr kleine) Wohnung bewegen können und dabei weder von einem Hund angerempelt werden, noch jemanden vor meinen Füßen vorfinden. Auch das sind Wege der Hunde, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen!
  • Mein geliebtes weißes Schnöseltier hat nun den Großteil des Tages einen von mir zugewiesenen Liegeplatz, Lexi ebenfalls sehr häufig. Spannungen innerhalb der Gruppe und übersprungsmäßiges Raufen und Blödeln sind dadurch von jetzt auf gleich komplett verschwunden.
  • Vor und nach dem Spaziergang warten alle ruhig, bis sie einzeln dazu eingeladen werden, das Haus zu verlassen bzw. zu betreten. Das wird durch den herbstlichen Mehraufwand von „Füße abputzen“ und „Leuchthalsband an-/ausziehen“ sogar noch begünstigt.

Zum Thema „Ruhe in meinem direkten Umfeld“ hatte ich heute einen besonders interessanten Aha-Moment. Ich habe DIE HOSE angezogen, die bedeutet, dass wir nach draußen gehen und eine gemeinsame Aktivität stattfinden wird. In dem Moment, in dem ich DIE HOSE auch nur in die Hand nehme, kann ich durch die geschlossene Badtür schon hören, dass nun das Erregungslevel der gesamten Gruppe gestiegen ist und alle aufbruchsbereit vor meiner Tür herumtänzeln. Das stört mich schon immer, aber ich habe es noch nie geschafft, es so zu unterbinden, dass es effektiv war oder ich anschließend kein schlechtes Gewissen hatte, weil „sie sich ja nur auf eine gemeinsame Aktivität freuen“. Heute war es anders und wieder war Sam der entscheidende Faktor! Auf dem Weg vom Bad zu meinem Socken-Schubkasten, habe ich ihn zuerst einmal direkt über den Haufen gerannt, weil er frontal in mich hineinlaufen wollte. Daraufhin ist er mit einem großen Satz auf die Couch neben besagtem Socken-Schub gesprungen und von dort mit seiner gesamten aufgeregten Energie in meinen persönlichen Raum gecrasht, als ich den Schubkasten öffnen wollte. Und genau DAS habe ich entschlossen und klar aus dem Bauch heraus korrigiert und SOFORT war absolute, entspannte Ruhe. Ich war völlig baff!

Die Korrektur war technisch gesehen dieselbe wie immer, aber der Gedanke dahinter hat über ihre Wirksamkeit entschieden. Ich habe Sam korrigiert, weil er mit sehr viel Energie in meinen persönlichen Raum gerumpelt ist. Ich habe ihn NICHT dafür korrigiert, dass er sich auf unsere gemeinsame Zeit freut, denn das kann ich nicht guten Gewissens tun und das muss ich auch nicht. Er darf sich natürlich freuen! Ich freue mich ja auch! Aber er muss dabei nicht völlig explodieren und mir ins Gesicht fliegen.

Theoretisch weiß ich ja, dass der springende Punkt bei allem meine innere Haltung ist, aber das Ganze dann auch wirklich zu leben ist nochmal ein ganz anderes Thema. Am Sonntag hat mich unser Crash komplett fertig gemacht. Ich dachte, meine Welt bricht zusammen und ich muss bei Null anfangen, darf meinem Herzbuben nun gar nichts mehr zugestehen, damit er wieder seinen Platz in der Gruppe findet. Aber das ist nicht wahr! Wir haben eine tolle Basis und es genügt völlig, ein wenig an den richtigen Stellschrauben zu drehen. Dass es die richtigen sind, merke ich ganz deutlich an meiner gesamten Gruppe. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht und kein nörgeliger, ineffektier Dauerkampf mehr.